Überlegungen zum Haiku

Karel Trinkewitz

Das Haiku ist eine japanische Versform – ein dreizeiliger Vers mit siebzehn Silben: fünf, sieben und fünf. Die klassische Zeit des Haiku fällt in das 17. Jahrhundert – die Genroku-Periode (1688–1703). Das ist eine Zeit, in der sich Zen-Buddhismus, Tuschemalerei und die Literatur des „flüchtigen Lebens“ zu entwickeln beginnen. Das klassische Haiku soll das Gefühl des Unendlichen, Unbegrenzten, Fragmentarischen und Skizzenhaften zum Ausdruck bringen. Es fällt in eins mit der Blütezeit der Tuschemalerei. Viele der berühmtesten Haiku-Dichter waren Maler, wie beispielsweise Buson, oder Zen-Mönche wie Bashō. So wie in der Lehre des Zen jeder Gegenstand und jede Erscheinung bloß eine vergängliche Form des einzigen, ewigen Wesens ist, das sich auch in kleinsten Dingen spiegelt, flüchtig, zufällig, veränderlich, so kann auch der Maler mit einigen Pinselstrichen oder der Dichter mit den wenigen Silben eines Dreizeilers einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit abbilden, hinter dem derjenige die unendliche Wirklichkeit erahnen kann, der sich in ein Kunstwerk, ein Gedicht, ein Bild einzufühlen vermag. Haiku „echten“ Stils drücken Naturstimmungen aus und bilden eine gewisse Analogie zur Landschafts-Tuschemalerei. Ihre Thematik ist genau vorgegeben, ebenso wie einige inhaltliche Elemente. Jeder solcher Dreizeiler muss sich auf eine der  Jahreszeiten beziehen: Frühling, Sommer, Herbst, Winter; ihre charakteristischen Züge, Inhalte und Begleiterscheinungen müssen entweder ausdrücklich erwähnt oder wenigstens so angedeutet werden, dass das Gedicht im Leser die Stimmung der entsprechenden Jahreszeit hervorruft. Die folgenden Verse sind der Versuch einer tschechischen Paraphrase des Haiku.[1]

Übersetzt von Rainette Lange

Im Original: Haiku [Vorwort zu einem Haiku-Bändchen]. Archiv Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Nachlass Trinkewitz. FSO 2-060.

[1] Anmerkung der Kuratorinnen: Bei dem Ausschnitt handelt es sich um das Vorwort zu einem der ersten Haiku-Bändchen von Trinkewitz. Zur tschechischen Paraphrase des Haiku siehe Birgit Krehl: Haijin Trinkewitz.